Manchmal weiß man schon gar nicht mehr, wer oder was hier eigentlich im Mittelpunkt steht. Zur Berlinale, dem größten deutschen Filmfestival, sonnt sich die Hauptstadt im Blitzlichtgewitter der Fotografen und dem Glanz der Stars aus Film, Gesellschaft und Politik, die über den roten Teppich stolzieren. Ein Hauch von Hollywood - so stellt man sich das in Berlin mit der Kulturmetropole vor. Im Jubiläumsjahr - vom 11. bis 21. Februar geht die 60. Auflage über die Festivalbühne - schauen die Kultursender ganz besonders genau aufs medial gehypte Kulturevent an der Spree. ARTE und 3sat beeindrucken mit umfangreichen Programmschwerpunkten (08. bis 22.02.), die daran erinnern, was Filmfestivals eben auch sind: ein Fest für Cineasten.
Berlin ist nicht Cannes, und bis auf Weiteres wird das auch so bleiben. Doch in der retrospektiven Verdichtung sind die Filetstücke, die sich ARTE aus sechs Festivaljahrzehnten herausgepickt hat, schon zum Zungenschnalzen. Die Berlinale, das zeigt die Programmreihe mit prämierten Wettbewerbsfilmen, war auch immer das Festival der großen Autorenfilmer. Ingmar Bergman etwa, der 1958 den Goldenen Bären für das melancholische Jahrzehntwerk "Wilde Erdbeeren" (Mo., 15.02., 20.15 Uhr) entgegennahm.
Ebenso hat Nouvelle-vague-Ikone Jean-Luc Godard das vergoldete Wappentier der Stadt in seiner Vitrine stehen. 1965 wurde seine dystopische Politparabel "Alphaville" (Mo., 08.02., 20.15 Uhr) - stilistisch eine Mischung aus Science-Fiction und Detektiv-Thriller - als bester Film ausgezeichnet.
Auch in den Folgejahrzehnten hatten die provokanten Filmemacher mit politischer Haltung an der Spree einen guten Stand. "Pasolinis tolldreiste Geschichten" (Mi., 10.02., 23.10 Uhr) standen 1972 in der Jurygunst ganz oben. 1982 nahm Deutschlands Vorzeigeskandalier Rainer Werner Fassbinder den Goldenen Bären entgegen: für "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (Do., 18.02., 20.15 Uhr), Fassbinders Abschlussfilm seiner losen BRD-Trilogie, ein sarkastisches, entlarvendes Sittengemälde, angesiedelt in den bigotten deutschen Nachkriegsjahren.
Ab den 90-ern ging der Blick des Festivalkomitees verstärkt über die Grenzen Europas hinaus. 1996 nahm der taiwanische Regisseur Ang Lee, angetreten mit der leichthändigen Jane-Austen-Adaption "Sense and Sensibility" (Mo., 22.02., 20.15 Uhr), den Preis für den besten Film entgegen. Zum Millenniumswechsel stand der Amerikaner Paul Thomas Anderson im Rampenlicht, der seinen dreistündigen Episodenreigen "Magnolia" (Do., 11.02., 20.15 Uhr) im Gepäck hatte.
Einen exotischen Überraschungsgewinner brachte die Berlinale-Ausgabe des Jahres 2007 hervor. Der Chinese Wang Quan'An triumphierte mit "Tuyas Hochzeit" (Mi., 17.02., 20.15 Uhr), einem subtil und humorvoll inszenierten Ehedrama über eine Schafhirtin aus der mongolischen Steppe.
Überdies hat ARTE einen Themenabend zum Motto "60 Jahre Berlinale" (14.02.) im Programm. Um 20.15 Uhr läuft Robert Bentons tragikomische Provinzposse "Nobody's Fool", Gewinner des Silbernen Bären von 1995. Um 22.00 Uhr folgt der Dokumentarfilm "Spur der Bären" über die lange Festivalgeschichte in Erstausstrahlung, den drei Tage später auch 3sat zeigt, am 17.02., um 22.25 Uhr.
Der Höhepunkt des ARTE-Berlinale-Schwerpunkts ist jedoch unstrittig ein anderer: Am Freitag, 12.02., 20.45 Uhr, überträgt der deutsch-französische Sender die Uraufführung der neuesten restaurierten "Metropolis"-Fassung live aus dem Friedrichspalast von der Berlinale. Fritz Langs Science-Fiction-Klassiker aus dem Jahr 1927 ist erstmals seit rund 80 Jahren in seiner rekonstruierten Ursprungsversion zu sehen, nachdem im argentinischen Buenos Aires eine 16-Millimeter-Kopie der ungekürzten Originalfassung aufgetaucht war. Das Rundfunk-Sinphonieorchester Berlin spielt dazu live die ebenfalls rekonstruierte Filmmusik von Gottfried Huppertz. Die Hintergrundgeschichte rollt im Anschluss um 23.15 Uhr die Dokumentation "Die Reise nach Metropolis" auf.
Für die offiziellen Programmpunkte der Jubiläumsausgabe der Berlinale zeichnet vor allem 3sat verantwortlich. Comedy-Star Anke Engelke moderiert sowohl "Die Eröffnung" (Do., 11.02., 19.20 Uhr) als auch "Die Verleihung des Goldenen und der Silbernen Bären" (Sa., 20.02., 19.20 Uhr). Die "Kulturzeit" berichtet ab 19.20 Uhr werktäglich vom Festivalgeschehen. Von Samstag, 13.02., bis Freitag, 19.02., hat Tina Mendelsohn, jeweils später am Abend, in "Kulturzeit extra: Berlinale Journal" prominente Interviewpartner zur Hand.
Auch 3sat hat sich im Archiv umgeschaut und eine ganz spezielle Filmreihe zusammengestellt: "Berlinale kontrovers" erinnert daran, dass das staatstragende Kulturevent in der früheren Mauerstadt auch immer für einen Skandal gut war. So war es 1978, als Michael Cimino den Silbernen Bären für sein qualvolles und erschütterndes Vietnamepos "Die durch die Hölle gehen" (Mi., 10.02., 22.25 Uhr) erhielt. Die Vertreter der sozialistischen Länder wollten "eine Beleidigung für das heroische Volk von Vietnam" erkannt haben.
Zwei Jahre zuvor stand ein Japaner im Kreuzfeuer der Kritik. "Im Reich der Sinne" (Fr., 12.02., 23.15 Uhr), das radikale Meisterwerk Nagisa Oshimas, wurde als "harte Pornografie" eingestuft und beschlagnahmt. Den Silbernen Bären gab es trotzdem. Keinen Preis gewann 1970 der Spanier Carlos Saura, der mit der bissigen Sozialsatire "Garten der Lüste" (Sa., 13.02., 22.40 Uhr) dennoch einen Triumph feierte. Der Film wurde gegen den empörten Protest der Franco-Behörden im Wettbewerb gezeigt.
Auch national tobten Debatten. Etwa um Reinhard Hauffs kontroverse RAF-Aufarbeitung "Stammheim" (So., 14.02., 21.50 Uhr). Der Film, basierend auf einem Drehbuch des späteren "Spiegel"-Chefredakteurs Stefan Aust, rollte unter Verzicht auf fiktionale Elemente den Prozess gegen die Baader-Meinhof-Gruppe auf, legte dabei aber vor allem die Schwächen im Justizapparat frei. Lohn war der Goldene Bär des Jahres 1986 - verliehen unter Protest der Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida.
Rosa von Praunheims provokanter Aufklärungsfilm "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (So., 14.02., 23.35 Uhr) lief 1971 im Forum des jungen Films. Den zugehörigen Skandal gab es aber erst zwei Jahre später, als sich der Bayerische Rundfunk aus der ARD-Fernsehausstrahlung ausklinkte.
Reaktionär und peinlich würde man eine solche Reaktion heute wohl mehrheitlich nennen. Viel bedenklicher war aber 15 Jahre zuvor der Eklat um Alain Resnais' Essayfilm "Nacht und Nebel" (Di., 16.02., 23.15 Uhr) - einer kunstfertigen Reflexion über die (Un-)Möglichkeit des Auschwitz-Gedenkens. Nachdem die Bundesregierung mit Teilerfolg gegen einen Start des Films beim Festival in Cannes intervenierte, wiederholte sich dieselbe Debatte 1956 bei der Berlinale, wo der Beitrag in den Rahmen einer Sonderveranstaltung ausgegliedert wurde. Das Auswärtige Amt fürchtete um ein neuerliches Aufkeimen antideutscher Stimmungen, womit man nur erst recht europaweite Empörung hervorrief.
Am Widerstand der Festivalleitung scheiterte 1965 ein Start von Jean-Marie Straubs bitterböser Böll-Verfilmung "Nicht versöhnt" (Di., 16.02., 23.45 Uhr), in der die jüngere deutsche Geschichte als Verkettung politischer und militärischer Frustration dargestellt wird. Auch dieser Film lief bei einer alternativen Randveranstaltung, bei der es zu tumultartigen Szenen kam.
Die Berlinale des Jahres 1976 war Austragungsort eines öffentlichkeitswirksamen Disputs zwischen einem Starregisseur und seinem Produzenten. Dino De Laurentiis ließ Robert Altmans demaskierende Wildwestfarce "Buffalo Bill und die Indianer" (Do., 18.02., 22.45 Uhr) erheblich nachbearbeiten. Die Berlinale zeigte die vergnügliche Demontage eines amerikanischen Mythos dennoch in originaler Länge und verlieh einem noch immer vor Wut schnaubenden Robert Altman den Goldenen Bären.
Bewegte Zeiten, könnte man etwas wehmütig konstatieren. Doch noch 2007 gab es Ärger um Li Yus verstörendes Vergewaltigungsdrama "Lost in Beijing" (Fr., 19.02., 22.45 Uhr), das gegen den Wunsch der chinesischen Zensurbehörde ungekürzt im Wettbewerb lief. Inzwischen ist der Film in China vollständig indiziert. Ein Pyrrhussieg? Vielleicht. Doch die Berlinale-Geschichte lehrt, dass sich der Wille zur Kontroverse auf lange Sicht fast immer rechnet. Das gilt auch im Jubiläumsjahr. Glanz und Glamour sind halt nicht alles.
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