Die Regisseurin Aelrun Goette beschäftigt sich mit den Grenzbereichen des menschlichen Lebens. Oft stehen Kinder und Frauen im Zentrum ihrer Beobachtungen, seien sie nun fiktional wie in dem Grimme-Preis gekrönten Film "Unter dem Eis" (2005) - über den Mord eines kleinen Jungen an einer Spielgefährtin - oder dokumentarisch wie in "Die Kinder sind tot". Seit jener beklemmenden Studie des Strafprozesses einer Mutter in Frankfurt/Oder, die ihre Kinder zu Hause verdursten ließ, hat sich die kluge Intensität der Arbeiten Goettes ins Gedächtnis ihrer Zuschauer gebrannt. Auch im Fernsehfilm "Keine Angst", den die 43-Jährige nun für den WDR inszenierte, gibt es Bilder großer emotionaler Grausamkeit zu sehen. Und doch ist ihre raue Geschichte um zwei halbwüchsige Mädchen in einem Hochhaus-Getto auch ein Hohelied auf Freundschaft und die Macht der Liebe.
Ohne die 13-jährige Becky (Michelle Barthel) wäre ihre Familie aufgeschmissen. Während die alkoholkranke Mutter (Dagmar Leesch) narkotisiert vor dem Fernsehen dahinvegetiert, kümmert sich die älteste Tochter um ihre drei kleineren Geschwister. Männer gibt es keine in der siffigen Hochhauswohnung. Die Väter der Kinder - sie kamen und gingen.
Halt gibt der sanften Becky ihre Freundschaft zu Mel (Carolyn Sophia Genzkow), die als "Zuckerbitch" mit den vor Testosteron berstenden Nachwuchs-Gangstern aus der Hochhaus-Clique um die Blocks zieht. Doch während sich Mel mit der Ausweglosigkeit ihres Kiezes abgefunden zu haben scheint, träumt Becky den Traum von der großen Liebe. Erst recht, als ihr der schüchterne, hübsche Bente (Max Hegewald) im Bus begegnet.
Bente lebt mit seinen Eltern jenseits der Gettogrenzen in einem bürgerlichen Reihenhaus. Gegenüber Mel und Beckys Zuhause wirkt es wie der Palast eines Sonnenkönigs. Becky und Bente verlieben sich ineinander, doch aus der Welt der Erwachsenen droht neues Ungemach. Beckys Zuhause wird durch den neuen Lover ihrer Mutter (Frank Giering) durcheinandergewirbelt. Und Bentes Eltern - vordergründig ein liberales Paar aufgeklärter Volvo-Fahrer - begegnet dem Kiezmädchen Becky mit sorgenvoller Skepsis. Selbst die Beziehung zu Mel stellt Beckys neue Liebe auf eine harte Probe.
Filme über von den Eltern im Stich gelassene Kinder, die ihr Leben und oft auch das ihrer jüngerer Geschwister selbst organisieren müssen, gab es bereits im deutschen Fernsehen. "Der große Tom" (2008) von Niki Stein erzählte von ähnlichen Problemen eines verwahrlosten Elternhauses, das jedoch in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt war.
Aelrun Goette wagt sich nun hinein in die finstersten Winkel von Hartz-IV-Deutschland. Ihre präzise fotografierten Getto-Lebenswelten wirken so echt, als wäre man in einem von Goettes Dokumentarfilmen. Dazu besaß die Filmemacherin ein exzellentes Händchen bei der Auswahl ihrer Darsteller. Hauptdarstellerin Michelle Barthel darf man als echte Entdeckung feiern.
Die ARD verkauft "Keine Angst" als Film über Kinderarmut in Deutschland. Sicher ist das ein Aspekt der Geschichte. Über das realistisch-harte Sozialdrama hinaus steckt in diesem Highlight des deutschen Fernsehfilms jedoch noch viel mehr. "Keine Angst" ist eine wunderbare Studie über jugendliche Kraft und Liebe, aber auch ein Film, der die zunehmende Sprachlosigkeit zwischen auseinanderdriftenden Lagern einer Gesellschaft zum Thema macht, die ihre Mitte zu verlieren droht.
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Keine Angst vor Kindern - Dokumentarfilmzeit (22:05 - 3SAT - 13.6.2010), 0 Punkte
Ohne die 13-jährige Becky (Michelle Barthel) wäre ihre Familie aufgeschmissen. Während die alkoholkranke Mutter (Dagmar Leesch) narkotisiert vor dem Fernsehen dahinvegetiert, kümmert sich die älteste Tochter um ihre drei kleineren Geschwister. Männer gibt es keine in der siffigen Hochhauswohnung. Die Väter der Kinder - sie kamen und gingen.
Halt gibt der sanften Becky ihre Freundschaft zu Mel (Carolyn Sophia Genzkow), die als "Zuckerbitch" mit den vor Testosteron berstenden Nachwuchs-Gangstern aus der Hochhaus-Clique um die Blocks zieht. Doch während sich Mel mit der Ausweglosigkeit ihres Kiezes abgefunden zu haben scheint, träumt Becky den Traum von der großen Liebe. Erst recht, als ihr der schüchterne, hübsche Bente (Max Hegewald) im Bus begegnet.
Bente lebt mit seinen Eltern jenseits der Gettogrenzen in einem bürgerlichen Reihenhaus. Gegenüber Mel und Beckys Zuhause wirkt es wie der Palast eines Sonnenkönigs. Becky und Bente verlieben sich ineinander, doch aus der Welt der Erwachsenen droht neues Ungemach. Beckys Zuhause wird durch den neuen Lover ihrer Mutter (Frank Giering) durcheinandergewirbelt. Und Bentes Eltern - vordergründig ein liberales Paar aufgeklärter Volvo-Fahrer - begegnet dem Kiezmädchen Becky mit sorgenvoller Skepsis. Selbst die Beziehung zu Mel stellt Beckys neue Liebe auf eine harte Probe.
Filme über von den Eltern im Stich gelassene Kinder, die ihr Leben und oft auch das ihrer jüngerer Geschwister selbst organisieren müssen, gab es bereits im deutschen Fernsehen. "Der große Tom" (2008) von Niki Stein erzählte von ähnlichen Problemen eines verwahrlosten Elternhauses, das jedoch in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt war.
Aelrun Goette wagt sich nun hinein in die finstersten Winkel von Hartz-IV-Deutschland. Ihre präzise fotografierten Getto-Lebenswelten wirken so echt, als wäre man in einem von Goettes Dokumentarfilmen. Dazu besaß die Filmemacherin ein exzellentes Händchen bei der Auswahl ihrer Darsteller. Hauptdarstellerin Michelle Barthel darf man als echte Entdeckung feiern.
Die ARD verkauft "Keine Angst" als Film über Kinderarmut in Deutschland. Sicher ist das ein Aspekt der Geschichte. Über das realistisch-harte Sozialdrama hinaus steckt in diesem Highlight des deutschen Fernsehfilms jedoch noch viel mehr. "Keine Angst" ist eine wunderbare Studie über jugendliche Kraft und Liebe, aber auch ein Film, der die zunehmende Sprachlosigkeit zwischen auseinanderdriftenden Lagern einer Gesellschaft zum Thema macht, die ihre Mitte zu verlieren droht.
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